Bereits 2023 wurde auf dieser Seite ein Artikel veröffentlicht über den vermeintlichen Tiefpunkt der Doggenzucht im Jahre 2022, in dem nur noch 663 Welpen in den beiden deutschen VDH-Vereinen geboren/eingetragen wurden (siehe Link). Leider hat sich die Situation aber nicht stabilisiert oder gar verbessert, die Abwärtsspirale geht weiter und im Jahr 2025 wurden sogar nur noch 414 Doggenwelpen im VDH eingetragen! Das sind 75% weniger als vor 20 Jahren! Und 65% weniger als vor 10 Jahren!

Gemäß der Definition der roten Liste der bedrohten Arten (IUCN) würde die Deutsche Dogge als “stark gefährdet” eingestuft werden. Selbstverständlich ist die Deutsche Dogge keine Art, sie ist vielmehr eine künstlich vom Menschen geschaffene Rasse der Art Canis Lupus familiaris (Wolf/Haushund). Aber was die Populationsentwicklung angeht, können hier durchaus Vergleiche gezogen werden. Eine Art gilt dann als “stark gefährdet”, wenn die Population in den letzten 10 Jahren um 50-70% zurück gegangen ist und/oder wenn es weniger als 2500 fortpflanzungsfähige Individuen gibt. In Europa gibt es natürlich mehr als 2500 Deutsche Doggen, aber nur ein Bruchteil der geschlechtsreifen Tiere kommt überhaupt dazu, sich fortzupflanzen, aufgrund der künstlichen Selektion durch den Menschen. Dadurch ist die effektive Populationsgröße noch deutlich geringer als bei frei lebenden Tierarten, bei denen die meisten weiblichen und ein hoher Anteil der männlichen Tiere Nachkommen haben und dürfte sogar weltweit unter 2500 liegen.
Die Zukunft der Deutschen Dogge ist also als kritisch einzuordnen, wenn sich die Entwicklung fortsetzt und keine Gegenmaßnahmen getroffen werden. Sie befindet sich in einem sogenannten “genetischen Flaschenhals”, wie es zuletzt während der beiden Weltkriege der Fall war. Das heißt, die Rasse verliert rasant genetische Vielfalt, mit all den dazugehörenden mittel- und langfristigen negativen Konsequenzen der Inzuchtdepression, die da sind Ausbreitung von Erbkrankheiten, verminderte Widerstandskraft gegen negative Umwelteinflüsse, verminderte Fruchtbarkeit, Wesensprobleme.
Besonders dramatisch ist die Situation, da sich nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland eine ganz ähnliche Abwärtstendenz zeigt. Darum ist es entscheidend, dass sich sowohl die einzelnen Züchter, als auch die Zuchtvereine dieser Problematik bewusst werden und gezielt gegensteuern um diese wunderbare, historische Hunderasse zu bewahren. Und zwar nicht nur als kränkelndes Relikt, das auf Ausstellungen präsentiert wird, sondern als vitales, in Körper und Geist gesundes, vierbeiniges Familienmitglied.
Die Situation in Deutschland
In den deutschen VDH-Vereinen DDC (Deutscher Doggen Club) und KyDD (Kynologische Gesellschaft für Deutsche Doggen) ist die Zahl der geborenen/eingetragenen Welpen in den letzten 20 Jahren massiv zurück gegangen, und zwar um 75% seit 2006. Dabei ist der Rückgang im DDC mit 80% seit 2006 deutlich höher als der in der KyDD mit 65% seit 2006. Die KyDD hat im Jahr 2024 sogar erstmals seit Bestehen des Vereins einen höheren Anteil an den Welpenzahlen gehabt als der DDC. Dies liegt daran, dass in den letzten Jahren viele Züchter vom DDC in die KyDD abgewandert sind, und dass es in der KyDD einige Großzüchter mit mehr als 3 Würfen im Jahr gibt.

Nun könnte man entgegensetzen, dass die Welpenzahlen für alle Rassen zusammengenommen im VDH gesunken sind. Das ist richtig, allerdings liegt der Rückgang im VDH nur bei 35% seit 2006, und bei den Doggen im VDH bei 75%. Während die Dogge im Jahr 2016 (und viele Jahrzehnte davor) noch zu den 10 beliebtesten Hunderassen im VDH gehörte, lag sie 2024 gerade noch auf dem 24. Platz, im Jahr 2023 sogar nur auf Platz 30 (die Welpenstatistik des VDH für 2025 wird erst im Laufe des Jahres veröffenticht).

Die Situation in der Schweiz und Österreich
Auch in unseren südlichen Nachbarländern ist die Situation für die Deutsche Dogge ähnlich dramatisch. Im Jahr 2025 wurden in der SKG (Schweizerische Kynologische Gesellschaft) gerade einmal 4 Würfe mit 25 Welpen eingetragen und im Österreichischen Kynologenverband (ÖKV) 3 Würfe mit 21 Welpen. Die Zuchtbücher der beiden Dachverbände werden leider erst seit 2011 digital veröffentlicht, darum können nur die letzten 15 Jahre betrachtet werden. Der Rückgang der Doggenwelpen in der Schweiz liegt verglichen mit 2011 bei 65% (im Vergleich mit dem Rekordjahr 2010 mit 99 Welpen sogar bei 75%). Im ÖKV wurden 2025 50% weniger Doggenwelpen geboren als 2011. Da die Gesamtzahl der Würfe und Züchter in beiden Ländern niedrig ist, sind die Schwankungen der Welpenzahlen naturgemäß auch größer. Es ist aber definitiv ein Abwärtstrend erkennbar (abgesehen von den Coronajahren, dazu später mehr).

Schaut man sich auch hier wieder die Eintragungszahlen für alle Rassen an, so sieht man, dass diese in der Schweiz (SKG) nur um etwa 20% zurück gegangen sind (die Zahlen für 2025 sind geschätzt, sie werden erst im Laufe des Jahres veröffentlicht) und in Österreich (ÖKV) um etwa 10% (das Österreichische Hundezuchtbuch wird leider seit 2023 nicht mehr veröffentlicht aufgrund des “Betriebs- und Geschäftsgeheimnisses”, daher sind die Zahlen für 2023, 2024 und 2025 vorsichtig geschätzt worden, anhand der Entwicklung in Deutschland, der Schweiz und Skandinavien ist ebenfalls mit einem Rückgang seit den Coronajahren zu rechnen).
Die Situation in Schweden und Finnland
Auch in diesen beiden nordischen Ländern ist die Zahl der registrierten Doggenwelpen in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen. Im Schwedischen Kennelklub wurden 2025 nur 14 Würfe mit 79 Welpen eingetragen, im Finnischen Kennelklub (SK – Suomen Kennelliitto) waren es 23 Würfe mit 167 Welpen. Dies bedeutet ein Rückgang von fast 75% in Schweden verglichen mit 2006 (mit dem Peak 2007 waren es sogar 84% Rückgang) und in Finnland von 50% (verglichen mit dem Peak 2008 waren es sogar fast 65% Rückgang), wobei es im Vergleich zum Vorjahr 2024 mit nur 80 registrierten Welpen zumindest kurzzeitig eine leichte Stabilisierung im Jahr 2025 zu geben scheint.

Die Rassehundezucht ist in diesen beiden nordischen Ländern weitaus mehr in der Gesellschaft verankert, als in Mitteleuropa. Dies liegt zum einen an der Geographie – es ist deutlich schwieriger, “Billigwelpen” und “gerettete Mischlinge aus Süd- und Osteuropa” in den hohen Norden zu transportieren und die Grenzkontrollen sind streng. Zum anderen wird es Züchtern relativ leicht gemacht, Welpen im schwedischen Kennelklub (SKK) und im Finnischen Kennelklub (SK – Suomen Kennelliitto) zu registrieren. Es ist keine Mitgliedschaft im Rassehundezuchtverein erforderlich, es gibt keine Zuchtzulassungen, und solange die vorgeschriebenen Gesundheitsuntersuchungen vorliegen, können Züchter die ersten 2 Würfe ohne FCI-Zwingernamen registrieren. Von dem her ist auch die Konkurrenz durch im Inland produzierte Welpen ohne Ahnentafeln geringer.
Und so verwundert es nicht, dass in Schweden der Anteil der Hunde mit FCI-Ahnentafel an der Gesamtpopulation der Hunde im Land bei 70% liegt, und in Finnland sogar bei 80%. In beiden Ländern wurden 2025 knapp 40.000 Rassehunde in den Zuchtverbänden registriert. Wir erinnern uns, im deutschen VDH waren es gerade einmal um die 55.000! Und dabei hat Schweden nur 10,7 Millionen Einwohner, Finnland nur 5,6 Millionen. Umgerechnet zur Einwohnerzahl in Deutschland von 83,5 Millionen müssten im VDH im Vergleich mit Schweden 320.000 Welpen registriert werden, und im Vergleich mit Finnland sogar 640.000!
Aber auch im Schwedischen und Finnischen Kennelklub sind die Eintragunszahlen in den letzten 20 Jahre zurück gegangen, ausgenommen von dem Coronahoch, das in jeder Statistik zu finden ist. Da beide Zuchtverbände, insbesondere der Finnische SK, hervorragende Online-Datenbanken haben, sind sämtliche Zahlen zur Populationsstatistik leicht öffentlich einzusehen. Verglichen mit dem Jahr 2006 wurden 2025 etwa 35% weniger Rassehunde in Schweden registriert, in Finnland waren es nur knapp 20% weniger. Auch in diesen beiden Ländern ist der Rückgang der Doggenwelpen also weitaus größer in den letzten 20 Jahren als der Rückgang der Eintragungszahlen für alle Rassen.

Ursachen für den Rückgang
Einige Gründe für die rückläufigen Zahlen geborener/eingetragener Doggenwelpen wurden bereits in den vorhergehenden Kapiteln erwähnt. Besonders auffällig ist das Coronahoch. Während der Pandemie hatten viele Menschen Zeit, sich einen Hund anzuschaffen, und so wurde die erhöhte Nachfrage von den Züchtern bedient. Spätestens seit 2023 ist der Trend aber wieder rückläufig, der Markt ist übersättigt, viele Hunde werden wieder abgegeben, die Tierheime sind überfüllt.
Die Eintragungszahlen sowohl der Doggenwelpen, als auch der Welpen aller Rassen, gehen aber bereits seit fast 20 Jahren zurück, zumindest in Deutschland. In Österreich und der Schweiz waren die Zahlen für alle Rassen vor Corona relativ stabil, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau, in Schweden und Finnland sind die Rückgänge nicht ganz so hoch wie in Deutschland und der Anteil an der Gesamtpopulation der Hunde in den beiden nordichen Ländern ist weitaus höher als in Mitteleuropa. Gründe für den starken Rückgang der Welpenzahlen insgesamt im VDH sind zum einen die Konkurrenz durch im Ausland geborene “Billigwelpen”, die dank diverser Internetplattformen und fehlender Grenzkontrollen leicht ins Land kommen. Zum anderen gibt es seit einigen Jahren den Trend, Mischlinge aus dem süd- und osteuropäischen Ausland zu “retten” und massenhaft in wohlhabende Länder in Mitteleuropa zu importieren.
Ein weiterer Grund für den insgesamt schwachen Rückhalt für in den FCI-Dachverbänden in Deutschland, Österreich und der Schweiz gezüchteten Rassehundewelpen ist die Tatsache, dass diese es Züchtern sehr schwer machen, Welpen zu registrieren, und sich stark abschotten. Jeder Züchter muss Mitglied in einem Verein sein, der für seine Rasse zuständig ist, und bezieht die Ahnentafeln über diesen (in der Schweiz wurde das erst vor kurzem geändert). Der VDH ist kein Verband für Züchter, sondern für Zuchtvereine! Daher fühlt er sich für die einzelnen Züchter auch nicht zuständig, diese können kein Mitglied werden!
Für die Deutsche Dogge gibt es im VDH zwei Vereine, den Deutschen Doggen Club (DDC) und die Kynologische Gesellschaft für Deutsche Doggen (KyDD). Der zukünftige Züchter muss also in einem dieser Vereine Mitglied werden bevor er mit der Zucht beginnen kann. Die Mitgliedschaft muss beantragt werden und kann ohne Angabe von Gründen verwehrt werden. Ebenso kann sie ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Es gibt auch die Möglichkeit, ohne Mitgliedschaft in DDC und KyDD Ahnentafeln von diesen Vereinen zu erhalten mit einem entsprechenden Vertrag. Diese Möglichkeit kann ebenfalls ohne die Angabe von Gründen verwehrt werden. Die Gebühren für sämtliche Leistungen des Clubs sind für Nichtmitglieder oft mehr als doppelt so hoch!
Um einen Wurf eintragen zu dürfen, muss der Züchter einen FCI-Zwingernamen beantragen, auch wenn er vielleicht nur einen Wurf mit seiner Hündin machen möchte. Dies nimmt einige Monate in Anspruch und kostet mehrere hundert Euro. Dann muss er oder sie ein Züchterseminar des jeweiligen Vereins besuchen und eine Besichtigung der Zuchtstätte absolvieren. Um mit einer Dogge züchten zu dürfen benötigt diese außerdem ein HD (DDC) oder HD/ED-Röntgen (KyDD), seit letztem Jahr einen Herzultraschall und eine Zuchtzulassung (Exterieurbeurteilung von einem bzw zwei Richter/n des jeweiligen Rassehundezuchtvereins). Auch für den jeweiligen Zuchtpartner (Rüden) gibt es entsprechende Auflagen und im DDC gibt es außerdem strenge Vorschriften bezüglich des Einsatzes ausländischer Rüden und Farbverpaarungen.
Die Welpen werden dann ein, zwei oder dreimal (je nach Verein und Wurfgröße) von einem Zuchtwart besichtigt und erhalten erst dann eine Ahnentafel (im DDC muss zusätzlich eine Blutprobe von jedem Welpen genommen werden für einen Elternschaftsnachweis).
In der Schweiz und in Österreich gibt es ähnlich komplexe und strenge Auflagen.
Dem jeweiligen Züchter werden also sehr viele Steine in den Weg gelegt, bevor er überhaupt einen Wurf machen und Ahnentafeln erhalten kann. Einige dieser Schritte sind dabei von individuellen Entscheidungen einzelner Funktionäre eines sehr kleinen Personenkreises abhängig, was das Risiko von Entscheidungen erhöht, die persönlich und subjektiv sind und nicht sachlich und objektiv. Darum ist es nicht erstaunlich, dass in Deutschland etwa genauso viele Doggenwelpen außerhalb des VDH (ohne Papiere bzw. in Dissidenzvereinen) geboren werden als innerhalb des VDH. Die Konkurrenz durch “Billigwelpen” aus dem Ausland ist bei Doggen eher gering, da die Zucht und Haltung so großer Hunde aufwendig und kostspielig ist und es sich außerdem nicht um eine gewinnbringende Trendrasse handelt.
Die Frage ist, ob eine so starke Bürokratisierung und Reglementierung der Hundezucht – und Doggenzucht im besonderen – sinnvoll ist, hat sie doch in den letzten Jahrzehnten nicht gerade zu gesünderen, wesensfesteren und standardgerechteren Hunden geführt. Vielmehr scheint diese Abschottung von Seiten des VDH und seiner Mitgliedsvereine am Rückgang der Welpen- und Züchterzahlen Mitschuld zu tragen. Desweiteren werden viele gesundheitliche Probleme in der Rassehundezucht – und die Dogge ist hier besonders betroffen – von den Verantwortlichen seit vielen Jahren totgeschwiegen und keine konstruktiven Lösungsansätze präsentiert. Generell scheint die Rassehundezucht in Deutschland den Anschluss an die Moderne etwas verpasst zu haben, nur wenige Vereine bieten ihren Züchtern moderne Datenbanken an, der Dachverband VDH gar nicht. Da sind die nordischen Länder, insbesondere Finnland, bedeutend weiter!
Wie in den vorhergehenden Kapiteln aufgezeigt wurde, ist der Rückgang der registrierten Doggenwelpen aber mehr als doppelt so hoch wie der Rückgang der Welpenzahlen aller Rassen. Es gibt also Gründe, weshalb sich Menschen dagegen entscheiden, Doggen zu kaufen beziehungsweise zu züchten. Der Hauptgrund ist wohl, dass die Lebenshaltungkosten allgemein, aber vor allem auch die Tierarztkosten, in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Und die Deutsche Dogge eine Rasse ist, deren Unterhalt aufgrund ihrer Größe teuer ist, die aber auch sehr krankheitsanfällig und deren Zucht sehr kostspielig ist. Deshalb entscheiden sich viele Menschen eher für kleine Hunderassen, wobei mittelgroße und große Rassen wie der Deutsche Schäferhund, Labrador und Golden Retriever, aber auch Deutsch Drahthaar und Rottweiler immer noch unter den Top Ten zu finden sind im VDH.
Um es einmal umgangssprachlich zu formulieren: die Deutsche Dogge ist “out”. “In” sind immer wieder wechselnde Trendrassen wie Pudel, Dackel, Französische Bulldogge und co, sogenannte Designerdogs, also Mischungen reinrassiger Hunde, meist in Kombination mit Pudeln (Labradoodle etc), die oft doppelt so teuer verkauft werden wie Rassehunde und Straßenhunde aus dem Ausland. Die Dogge war nie eine Trendrasse und das ist auch gut so, denn dies hat ebenfalls negative Konsequenzen. Doch der drastische Rückgang der Doggenpopulation in Europa (und vermutlich auch weltweit) ist besorgniserregend und bedroht die Zukunft der Rasse.
Der genetische Flaschenhals
Ein genetischer Flaschenhals bezeichnet die drastische Reduzierung der Populationsgröße, die zu einer starken Verringerung der genetischen Vielfalt und einem Anstieg der Inzucht führt. Selbst wenn sich eine Art/Rasse später zahlenmäßig wieder erholt, bleibt die Genvarianz niedrig, was eine verminderte Vitalität und Fruchtbarkeit zur Folge haben kann (Inzuchtdepression).

Genau in dieser Situation befindet sich die Deutsche Dogge momentan. Und zwar nicht zum ersten Mal. Bereits bei der Gründung der Rasse (mit dem Erfinden geschlossener Zuchtbücher Ende des 19. Jahrhunderts) wurden nur wenige Individuen für die Zucht ausgewählt, die sogenannten “Gründertiere”. Dann wurde die genetische Vielfalt durch starke Selektion auf einen einheitlichen Phänotyp (Aussehen) weiter eingeschränkt, nur wenige Tiere durften sich fortpflanzen, einzelne Rüden dominierten das Zuchtgeschehen, was auch heute noch der Fall ist (Popular Sire Syndrom). Zwei weitere Flaschenhals-Situationen waren der erste und zweite Weltkrieg, währenddessen viele Doggen starben/verloren gingen und die Zucht in Europa wieder ganz neu aufgebaut werden musste. Auch die Einteilung der Deutschen Dogge in drei voneinander getrennte Farbschläge hat die genetische Vielfalt innerhalb dieser drei Unterrassen gelb/gestromt, schwarz/gefleckt und blau/schwarz aus blau weiter reduziert.
Somit ist die genetische Vielfalt der Deutschen Dogge bereits jetzt sehr niedrig, auch wenn Würfe mit hoher Inzucht in den letzten Jahren seltener geworden sind und der durchschnittliche Inzuchtkoeffizient(IK) in vielen Ländern bei um die 2-3% liegt. Dieser wird aber meist nur über wenige Generationen berechnet. Die genomische Inzucht (also die tatsächliche, per DNA getestete, nicht die berechnete) liegt bei der Dogge bei 27,2%, das entspricht einem Verwandtschaftsgrad von Vollgeschwistern!
Dass die Dogge somit bereits jetzt an den typischen Symptomen der Inzuchtdepression leidet ist also nicht verwunderlich. Das Durchschnittsalter der Rasse liegt nur bei 6,5 bis 7 Jahren, da viele Tiere an letalen Krankheiten wie der DCM, Krebs und Magendrehung weit vor ihrem maximalen Alter sterben (Doggen können bis zu 13, in ganz seltenen Fällen sogar 14 Jahre alt werden). Auch semiletale Krankheiten wie Wobbler, Epilepsie, Degenerative Myopathie etc schränken die Gesundheit der Hunde stark ein und führen oft zu einem frühen Ableben durch Einschläferung. Diese doggentypischen Erkrankungen sind zum einen genetisch bedingt und eine Anhäufung von Schadgenen führt zu einem Anstieg der Prävalenz. Zum anderen führt eine geringe genetische Vielfalt zu einer Schwächung des Immunsystems, so dass innere und äußere Störfaktoren schlechter bekämpft werden können.
Hinzu kommen Probleme mit der Fruchtbarkeit. Die durschnittliche Wurfgröße liegt bei der Deutschen Dogge bei nur um die 6,5 Welpen/Wurf. Als Riesenrasse können Doggen bis zu 20 Welpen auf die Welt bringen! In der umfassenden Datenbank des finnischen Kennelklubs ist es leicht möglich, verschiedene Rassen zu vergleichen. Andere Riesenrassen mit hoher Inzuchtbelastung wie der Leonberger oder der Bernhardiner haben ähnlich schlechte Werte wie die Deutsche Dogge. Aber durchaus große Rassen wie der Rhodesian Ridgeback und der Deutsch Drahthaar haben deutlich mehr Welpen/Wurf, ein weitaus höheres Durschnittsalter und interessanterweise einen niedrigeren IK. Der Rhodesian Ridgeback ist eine relativ junge Rasse, er entstand aus der Mischung verschiedener Rassen (Darunter auch der Deutschen Dogge) und wurde erst 1955 offiziell von der FCI (Federation Cynologique International) anerkannt. Der Deutsch Drahthaar ist eine alte Rasse, die aber vor allem auf Leistung gezüchtet wird. Dies dürfte der Grund sein, weshalb diese beiden Rassen anscheinend weniger von der Inzuchtdepression betroffen sind als die Deutsche Dogge.

Die Wurfgröße wird hier anhand der in den Zuchtbüchern eingetragenen Welpen berechnet, nicht anhand der tatsächlich geborenen Welpen. Totgeburten, wegen Missbildungen eingeschläferte und in den ersten Lebenswochen verstorbene Welpen werden also nicht dazu gerechnet. Diese wichtigen Zahlen werden von den meisten Zuchtvereinen leider nicht erfasst und/oder nicht veröffentlicht!
In der Datenbank Danesworld werden die Totgeburten erfasst, die einige wenige Züchter freiweillig öffentlich machen. Im Jahr 2025 lag die Quote bei 4,5%. Die tatsächliche Zahl liegt weit höher. Wieviele Welpen in den ersten Wochen sterben und woran ist leider aufgrund fehlender Daten nicht statistisch zu berechnen.
Auch Komplikationen bei der Geburt wie Kaiserschnitte werden von den Vereinen nicht erfasst/veröffentlicht, obwohl auch dies sehr wichtige Informationen für das Zuchtmanagement wären! Auch hier liegen in Danesworld nur unvollständige Daten vor von den Züchtern, die einen Kaiserschnitt veröffentlichten. So wurden im letzten Jahr im DDC 25% der Würfe mit Kaiserschnitt geboren, die tatsächliche Quote dürfte weit höher liegen!
Auch der Anteil der erfolgreichen Deckakte ist bei der Dogge relativ niedrig und liegt im Schnitt nur bei um die 65%. Das heißt, dass ein Drittel der Doggenhündinnen leer bleiben! Diese Zahlen stammen aus Deutschland, von DDC und KYDD, und wurden mithilfe der Datenbank Danesworld ermittelt, anhand der von den Vereinen veröffentlichten Deck- und Wurfmeldungen. Wenn man bedenkt, dass die meisten Deckakte in Deutschland natürlich stattfinden, so müsste die Quote eigentlich bei über 85% liegen. (Künstliche Besamung, vor allem mit Tiefkühlsperma, hat dagegen niedrigere Quoten, wird in DDC und KyDD aber kaum angewendet).

Gegenmaßnahmen
Oberstes Ziel der Züchter und Zuchtvereine muss es sein, so viel genetische Vielfalt wie möglich für zukünftige Generationen zu bewahren. Denn selbst wenn sich die Deutsche Dogge zahlenmäßig erholen würde, ist der Verlust von Genvarianten irreversibel in einer geschlossenen Population. So kann selbst eine vom Anschein nach große, also Individuenstarke Population, genetisch verarmt sein.
Entscheidend für den Erhalt der genetischen Vielfalt ist die effektive Populationsgröße. Diese setzt sich aus den Rüden und Hündinnen zusammen, die sich fortpflanzen und deren Verhältnis zueinander. Bei Doggen haben im Schnitt nur 10-20% der Hündinnen Nachwuchs und nur ein Bruchteil der Rüden. Dadurch ist die effektive Populationsgröße sehr viel kleiner als die tatsächliche Zahl an lebenden Individuen, was zur Folge hat, dass das Erbgut aller nicht zur Zucht eingesetzten Tiere unwiederbringlich verloren geht! Diese sogenannte genetische Drift ist umso stärker, je kleiner die Populationsgröße.
Ziel muss es also sein, dass möglichst viele verschiedene Individuen sich fortpflanzen und das Verhältnis von zur Zucht eingesetzten Rüden und Hündinnen nahe 1:1 ist. Hierbei müssen nicht nur die Züchter und Zuchtvereine mitwirken, nein, auch die Privathalter sind gefragt! Sie müssen dabei helfen, die Rasse zu bewahren, und nicht nur passive Konsumenten sein! Das können sie, in dem sie ihre Rüden zur Zucht zulassen, und ihre Hündinnen zum Beispiel in Form von Zuchtmiete für einen oder zwei Würfe dem Züchter zur Verfügung stellen, oder vielleicht sogar selbst einen Wurf machen.
Wichtig ist außerdem, dass keine “Popular Sires” zum Einsatz kommen, d.h. dass einzelne Rüden nicht übermäßig viele Nachkommen haben dürfen. Stattdessen sollten Hunde eingesetzt werden, die seltene Linien in ihren Ahnentafeln haben. Auch Wurfwiederholungen müssen ein Tabu sein, ebenso wie Würfe mit hoher Inzucht, da diese zu genetisch sehr ähnlichen Tieren führen. Ein gutes Mittel zum Erhalt der genetischen Vielfalt ist das Einfrieren von Sperma. Es kann im Grunde unendlich lange verwendet werden. Diese Möglichkeit sollten so viele Rüdenbesitzer wie möglich in Anspruch nehmen, damit ein Genreservoir in Form einer Spermabank entsteht. Wichtist ist aber auch hier, dass das gefrorene Sperma nicht dazu verwendet wird, dass Popular Sires auch nach ihrem Tod noch weiter übermäßig viele Nachkommen haben!
Bei der Dogge gibt es drei voneinander getrennte Farbschläge und weltweit regionale Populationen. Diese zu vermischen, um die genetische Vielfalt innerhalb der jeweiligen Populationen und innerhalb der jeweiligen Farbschläge zu erhöhen ist sinnvoll und wird von der FCI auch empfohlen und von einigen fortschrittlichen Züchtern bereits praktiziert. Für die weltweite Population der Deutschen Dogge aller Farbschläge ändert dies aber nichts, in einer geschlossenen Population gehen wie bereits mehrfach erwähnt immer nur Genvarianten verloren, es kommen nie neue hinzu (es sei denn durch selten auftretende Mutationen, diese haben aber meistens negative Auswirkungen).
Darum muss auch darüber nachgedacht werden, die Zuchtbücher zu öffnen, um neue Genvarianten in die Population zu holen und den Verlust der genetischen Vielfalt der letzten 150 Jahre wieder auszugleichen. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten, die der Schwedische Kennelklub in seiner Broschüre “Lathund för genetisk variation” gut zusammengefasst hat. So kann man das Zuchtbuch für Doggen öffnen, die keine FCI-Ahnentafel, bzw gar keinen Ahnennachweis haben. Durch Phänotyp-Beurteilung und DNA-Tests kann die Reinrassigkeit festgestellt werden (wobei etwas Fremdblut ja durchaus wünschenswert wäre). Gerade in Ländern wie Deutschland, in denen fast die Hälfte der Doggenpopulation Ahnentafeln von sogenannten Dissidenzvereinen hat bzw gar keine Papiere, wäre dies eine gute Möglichkeit, um für die FCI-Population verlorene Genvarianten wieder zurückzuholen. In Deutschland und Österreich wäre es außerdem sinnvoll, die Registrierung von Würfen in VDH und ÖDK zu erleichtern! Denkbar wären zum Beispiel verschiedene Kategorien von Ahnentafeln/Gütesiegel.
Eine noch weiter gehende Öffnung der Zuchtbücher würde auch die Registrierung von Doggenmischlingen beinhalten. Ein weiterer Schritt wäre ein Einkreuzungsprogramm, d.h. es werden gezielt innerhalb eines langfristig angelegenten Zuchtprogramms geeignete Rassen eingekreuzt. Dabei ist es natürlich wichtig, dass diese Rassen zur Deutschen Dogge charakterlich und phänotypisch passen, aber gleichzeitig nicht dieselben häufigen Erbkrankheiten in sich tragen, oder andere Schadgene in die Population bringen. Außerdem muss ein solches Projekt wissenschaftlich begleitet werden und kontinuierlich fortlaufen, denn das einmalige Einkreuzen eines Individuums einer anderen Rasse bringt sehr wenig. In Skandinavien und auch in anderen europäischen Ländern gibt es bereits etliche vielversprechende Projekte für verschiedene Hunderassen. Letztendlich ist dies die Zukunft der modernen Rassehundezucht, denn die Verbraucher wünschen sich vor allem gesunde und wesensfeste Hunde und sind gerne bereit, leichte phänotypische “Fehler” zu verzeihen. Die Abweichungen werden aber gering ausfallen, denn bereits nach drei Generationen trägt ein F3-Mischling nur noch 12,5% Fremdblut und ist kaum noch von einem reinrassigen Hund zu unterscheiden. In der Nutztierzucht ist die Vermischung von Rassen fester Bestandteil, da so leistungsfähige Hybridrassen entstehen.

Auch die Deutsche Dogge wird über kurz oder lang um ein entsprechendes Zuchtprogramm nicht herum kommen, auch wenn es vielen regressiven Züchtern und Zuchtvereinen heute noch als unvorstellbarer Frevel erscheint. Dabei verstehen sie nicht, dass dies auch eine Chance wäre, die Popularität der Rasse wieder zu erhöhen, da sie gesünder und pflegeleichter werden würde, nicht zuletzt auch für die Züchter selbst, die ja ebenfalls unter den Problemen leiden, die weiter oben beschrieben wurden. Die Qualität einer Rasse wird nicht durch die Quantität bestimmt, sondern durch ein fortschrittliches, zukunftsfähiges Zuchtmanagement. Entscheidend ist der Genotyp, nicht der Phänotyp! Zucht bedeutet Selektion. Selektieren bedeutet auswählen. Wenn aber keine Auswahl mehr möglich ist, da eine Rasse genetisch verarmt ist und Schadgene weit verbreitet, dann ist auch zielgerichtete Zucht nicht mehr möglich!
Quellen:
https://jalostus.kennelliitto.fi/
https://www.skk.se/om-skk/det-har-ar-skk/press/
https://hundar.skk.se/avelsdata/Initial.aspx
https://www.vdh.de/ueber-den-vdh/welpenstatistik/
https://gesunde-dogge.de/tiefpunkt-der-doggenzucht-in-deutschland
